Zeitungsartikel

Alle Hoffnung ruhte auf Picasso

Wegen Handels mit Kokain stand N. Eng* vor dem Bezirksgericht Kulm. Dabei war es nicht einmal sein «Stoff». Er hatte die Drogen von seinem Chef übernommen, der ihm Geld schuldig war - denn aus dem Verkauf eines gestohlenen Picassos wurde nichts.

*Name geändert

Wenn Angeklagte bei einer Gerichtsverhandlung jeweils Gelegenheit zum letzten Wort erhalten, bleiben manche schweigend sitzen. Andere bitten Gott und die Welt um Verzeihung, wenn wohl auch in einigen Fällen bloss mit der Absicht, bei Gericht einen guten Eindruck zu machen. Norbert Eng* benutzte die Gelegenheit, um dem Staatsanwalt noch einmal alle Schande zu sagen. Dieser war nämlich in den Augen des Angeklagten schuld, dass er erneut vor Gericht sitzen musste. Und diesmal, das konnte sich Eng ausmalen, würde er nicht mehr so glimpflich davonkommen. Mit Glück und einem guten Verteidiger kassierte der bereits Vorbestrafte vor einem Jahr wegen Diebstahl und Betrug lediglich eine bedingte 18-monatige Zuchthausstrafe.

Obwohl der 38jährige gelernte Metzger damals nicht ins Gefängnis musste, hing die Strafe wie ein Schatten über ihm. Wer will schon einen mehrfach Vorbestraften einstellen? Und als er dann noch durch einen Unfall vorübergehend arbeitsunfähig wurde, griff er eben nach der erstbesten Gelegenheit, die sich ihm bot. Er liess sich von Rudolf Borner* als Privat-Chauffeur anstellen. Dabei war es auch Eng bekannt, dass Borner - obwohl aus bester Familie - kaum Geld für einen eigenen Fahrer hatte. Denn was das schwarze Schaf der Familie, das aus dem elterlichen Unternehmen herausgeflogen war, mit seinen eigenen krummen Geschäften einnahm, wurde sogleich für Kokain ausgegeben.

Ganze Schalen voll Kokain standen in Borners Wohnung auf dem Tisch, und entsprechend war er auch immer «verladen», wie Eng feststellen musste. Er selber hatte kein Interesse am Kokain. Er fuhr seinen belämmerten Chef bloss dorthin, wo es etwas zu holen oder abzuliefern gab. Aber statt Lohn zu erhalten, musste Eng für seinen Boss immer tiefer in die Taschen greifen. Von Hunderttausenden von Franken Schulden sprach Eng einem Zeugen gegenüber.

Warum er als «intelligenter Mann». wie der Angeklagte in einem Gutachten charakterisiert wird, seinem dubiosen Arbeitgeber das Geld nachgeworfen hatte, das war natürlich eine Frage, die auch das Gericht beschäftigen musste. Engs Begründung präsentierte sich als höchst abenteuerliche Geschichte.

Gestohlener Picasso
Borner hatte, behauptete Eng, einen echten «Picasso» im sagenhaften Wert von 1,3 Millionen Franken erworben. Bei einem Verkauf, so rechnete sich der Angeklagte aus, würde natürlich ein erheblicher Teil der Summe ihm zufallen. Zudem seien auch bei Borners Eltern «mehrere Millionen» vorhanden. Später stellte sich allerdings heraus, dass der besagte «Picasso» ein gestohlenes Gemälde war. Dreiste Diebe hätten es seinerzeit aus der Villa des Schahs von Persien geklaut, wie Eng den Richtern erzählte. Damit war natürlich auch mit einem Verkauf des Bildes nichts, und alle, die mit dem « Picasso» spekuliert hatten, «standen plötzlich vor einer grossen Leere».

Unter diesen Umständen wollte auch Eng kein Geld mehr für das Kokain seines Bosses lockermachen. Aber die Lieferanten wollten das bereits bezogene weisse Pulver nicht zurücknehmen, sondern Bargeld sehen. Drei Wochen lang habe er das Kokain-Säcklein mit sich herumgetragen, sagte Eng. Bis er endlich Abnehmer fand. Drei Drogensüchtige aus der Nachbarschaft sollten das Zeugs für ihn loswerden.
Aber auch sie hatten Mühe, Abnehmer zu finden. An kalten Wintertagen und -nächten froren sie sich auf dem Zürcher Platzspitz beim Warten auf Kundschaft fast die Füsse ab. Als der Kokainvorrat dann aber doch ziemlich schnell zur Neige ging, so nur deshalb, weil die drei immer mehr davon selber konsumierten. Dadurch gerieten sie bei Eng immer tiefer in die Kreide, und dieser drohte den jungen Leuten auch prompt mit schiesswütigen jugoslawischen Dunkelmännern.

Als einzigen Ausweg aus dem Schlamassel sah einer der jungen Süchtigen, der vor Gericht als Zeuge aussagte, das Einschalten der Polizei. «Wir mussten aufhören, denn wir wären daran kaputtgegangen», sagte er den Richtern. Trotz drohenden Strafen hatten die drei die Polizei benachrichtigt, die dann in der Wohnung der Fixer wartete, bis Eng mit Kokain-Nachschub eintraf.

«Dass es gerade so verboten ist, das wusste ich nicht»
Dass der Besitz und Handel von Kokain verboten ist, das wusste auch Norbert Eng. «Aber dass es gerade so verboten ist, das wusste ich nicht», rechtfertigte er sich vor dem Bezirksgericht Kulm. Überhaupt fühlt sich Eng heute von allen «verarscht». Null Franken habe er eingenommen, nichts als Ärger gehabt, und nun müsse er zu allem noch in die Kiste. Gleich fünf Jahre forderte der Staatsanwalt, und dies in erster Linie wegen dem Kokain, das Eng in den Handel brachte.

«Unbewilligter Handel mit Kriegsmaterial» ohne Folgen
Für eine weitere, gewichtige Straftat wurde er jedoch gar nicht zur Rechenschaft gezogen. Zur Last gelegt wurde Eng nämlich auch der «unbewilligte Handel mit Kriegsmaterial». Als Borner wieder einmal kein Geld hatte, bestellte der Angeklagte Uzi-Gewehre auf seinen eigenen Namen. In der Anklageschrift war von mindestens 25 Gewehren die Rede, die zum Teil per Post von einem Waffenhändler im Kanton Bern bezogen wurden. Mit einem der von Borner weiterverkauften Uzis sei später ein Autohändler in Zürich erschossen worden, war zu erfahren.

Um den Waffenhandel vom Bezirksgericht beurteilen zu lassen, wäre aber eine Ermächtigung der Bundesanwaltschaft nötig gewesen. Und eine solche sei vom Staatsanwalt nicht beantragt worden, wie der Verteidiger in seinem Plädoyer schon fast hämisch bemerkte. Aber auch der Handel mit 41 Gramm Kokain, kombiniert mit zwei kleineren Delikten, war für die Richter gravierend genug, um Norbert Eng für drei Jahre hinter Gitter zu schicken. Dazu kommen noch 18 Monate der vor einem Jahr bedingt ausgesprochenen Strafe.

*Namen geändert

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